In einem Land, das lange vergangen ist und fern von unserer Welt lag, lebte eine Prinzessin, deren Anmut und Wesen die Saiten der Liebe in den Herzen der Männer zum Klingen brachte. Viele warben um sie und ihr Vater, ein gütiger König, war sehr stolz auf sie.
Unter denen, die ihr Herz an sie verloren, war auch ein Zauberer, der sich stärker als alle anderen nach ihr verzehrte. Doch sie wies seine Liebe zurück. Jedes Lachen von ihr war ihm fortan ein Stich in das Herz und bei jedem Gedanken an sie verkrampften sich seine Eingeweide zu einem schmerzenden Klumpen. So sehr sehnte er sich nach einem Kuss ihrer Lippen, doch auch diese flüchtige Gunst wollte sie ihm nicht gewähren. Da sprach er einen schrecklichen Fluch über sie: “Soll ich dir nicht gehören, soll es keiner. Mit diesen Worten banne ich dein Leben in Stein und einzig meine Tränen sollen dich erlösen. Doch hoffe nicht, denn um dich habe ich bereits alle Tränen vergossen!” Und kaum hatte er seine grausamen Worte gesprochen, erstarrte die Maid im Garten ihres Vaters. Ihr letzter Laut erstarb in einem Knirschen, wie es zwei Steine machen, die man gegeneinander reibt.
Bald brachen viele mutige Männer auf, um die Prinzessin zu erlösen. Viele von ihnen starben auf dem Weg oder es verließ sie unterwegs der Mut, denn der Zauberer hatte sich in den finstersten Winkel der Welt zurückgezogen. Viele namenlose Gefahren lauerten auf den Helden, der die Herausforderung wagte. Und selbst die wenigen, die ihr Ziel erreichten, mussten mit leeren Händen zurückkehren, denn das Seelenlicht der Zauberers war ein kalter Diamant geworden. Kein Tropfen verließ die verbitterten Augen.
So ging die Zeit ins Land. Der König starb voller Gram und seinen letzter Wunsch, die geliebte Tochter noch einmal lachen zu hören, nahm er mit auf die Reise in das schweigende Nichts des Todes. Schließlich brach niemand mehr auf, die Frau aus Stein zu befreien, und ihre Geschichte geriet fast in Vergessenheit.
Einhundertdreiundzwanzig Jahre später kam ein junger Mann in den Garten des Schlosses, das längst ein anderer Herr bewohnte. Er erblickte die Statue und verliebte sich gleich in die unbekannte Schönheit, die ein Meister seines Handwerks aus dem kalten Stein geboren haben musste. Er verbrachte Tage und Nächte im Garten und verlor sich vollständig in dem Anblick. In seinen Träumen entstieg die Schöne ihrem erzenen Gefängnis und lebte an seiner Seite. Er gab ihr einen Namen und eine Geschichte, kannte jedes Detail ihres starren Gesichtes und manches Mal im Schlaf fühlte er ihre schmale Hand in der seinen. Dann wachte er auf und war sich sicher, sie wäre am Leben und an seiner Seite, bis er begriff, dass er nur geträumt hatte. Sein Herz war gleichermaßen schwer wie leicht. In seinem Unglück, sie nie lebendig zu wissen, war er dennoch glücklich.
An einem dieser Tage, als er versonnen die Statue betrachtete, gesellte sich ein altes Männlein zu ihm. Das Alter hatte es gebeugt und tiefe Furchen in sein Gesicht gezogen, doch die Augen waren jung geblieben. “Kennst du die Geschichte der Prinzessin aus Stein, junger Freund?” fragte das Männlein den Mann
Dieser war überrascht und wollte die Geschichte erst nicht hören, hatte er sich doch seine eigene ausgemalt. Dann jedoch siegte seine Neugier und er forderte den Alten auf, sie zu erzählen. Denn der alte Mann, er war ein Gärtner des Schlosses, kannte noch die Wahrheit über die Prinzessin und berichtete von ihr. Lange bevor er geendet hatte, stand für den jungen Mann fest, dass er sich auf den Weg machen würde, die Tränen des Zauberers zu gewinnen.
Und so kam es auch. Er ließ das Schloss hinter sich, um den Rand der Welt zu erreichen. Vieles ließe sich über seine Abenteuer berichten, lehrhafte Beispiele über List und Mut. Etwa, wie er den grünen Wyrm von Anderun bezwang. Oder wie er den wahnsinnigen Vogelschwestern auf der Höhe des Kreischenden Gipfels entkam. Auch seine Reise durch den Wald der Vergessenen Schatten und die Sternengoldfelder wäre eine Erzählung wert. Doch sind dies andere Erzählungen.
Schließlich erreichte er den finstersten Winkel der Welt, der so düster war, wie nur ein verschmähtes Herz es sein kann. Hier hockte der Zauberer auf einem Thron aus Spiegelscherben und stierte in die Finsternis, die ihn umgab. In ihm brannte kein heißes, verzehrendes Feuer, so dass er unnatürlich lange am Leben geblieben war. Erst hielt er seinen Gast für einen Trug, so lange war niemand mehr bei ihm gewesen. Der junge Mann erklärte sein Ziel, die Tränen des Zauberers zu gewinnen.
Dieser antwortete ihm mit einem heiseren Lachen. “Niemand hat es vermocht, so wird es auch dir nicht gelingen. Es wäre vergeudete Zeit, deinen Bemühungen zuzusehen, doch ich will dir deine Gelegenheit geben. Die Abwechslung ist mir willkommen.”
Da nickte der Mann und zu der Überraschung des Zauberers setzte er sich zu dessen Füßen. Ohne viele Worte zu verlieren, begann er zu erzählen. Er öffnete sein Herz, und der Zauberer erblickte darin die leuchtende Liebe zu der steinernen Prinzessin. Der junge Held erzählte von seinen Träumen und wie er die verfluchte Schönheit sah. Das, was er für sie empfand und sich nie erfüllen würde, da sie auf ewig für ihn unerreichbar blieb.
Als er geendet hatte, liefen dem Zauberer die Tränen in Strömen über die rissigen Wangen. Der junge Mann stand auf, fühlte eine Glasphiole mit dem salzigen Gut und machte sich auf den Heimweg. “Habt Dank”, waren seine letzten Worte, dann ließ er den schluchzenden Zauberer in der Dunkelheit zurück.
Wieder war er auf Wochen unterwegs, ehe er das Schloss erreichte, in dessen Garten die Statue stand. Er stellte sich vor sie hin, bereit, den Stein mit den Tränen des Zauberers zu benetzen – und zögerte. Lange verharrte er so, dann ließ er sich in das Gras nieder. Unablässig betrachtete er die Prinzessin aus Stein und drehte dabei die Glasphiole zwischen den Fingern.
Nach drei Tagen und drei Nächten stand er auf, öffnete das Fläschchen und goss die Tränen in ein nahes Blumenbett. Dann atmete er auf und lächelte zufrieden.
Der alte Gärtner, der dies beobachtet hatte, kam heran und fragte verwirrt, warum der Mann dies getan hatte, anstatt die Prinzessin zu erlösen.
Der junge Mann drehte sich zu ihm um. “Es gibt keine reinere Liebe als die unerreichte”, erklärte er lächelnd und ging auf immer von dannen.
(Ein kleines Märchen über die Liebe, (c) 2008 Michael Masberg)

März 12th, 2008 - 01:51
Hach ja, mein junger Recke….
Liebe und Schmerz… zwei sehr kreative Zustände!
Nur eines ist noch inspirierender! Wenn beide aufeinander treffen…
Ein sehr SEHR schönes Märchen… dem so viel Wahrheit inne wohnt…
März 12th, 2008 - 11:07
Auf seine Art ist der junge Mann aber auch ein Egoist, oder? Er verdammt die Prinzessin dazu, auf ewig weiter in Stein gebannt zu sein. Bedeutet Liebe nicht, dass man dem anderen ein glückliches Leben wünscht?
März 12th, 2008 - 11:40
Das waren auch genau meine Gedanken